Wie hoch ist der Kaufpreis für die
Stadtentwässerung?
Volker Schmidt vom 15.11.2005 an die BZ
Leserbrief zum BZ-Artikel "Streit
um Abwasser-Privatisierung" vom 15.11.2005:
Sehr geehrter Herr Zauner,
In der heutigen Berichterstattung über die Privatisierung der
Stadtentwässerung bin ich doch über die Aussage gestolpert,
dass es
einen Kaufpreis von 238 Mio EUR gäbe, den Veolia bietet. Dieser
Eindruck wurde ja auch am Sonntag in der nB [zum Artikel] fälschlich verbreitet. Ich
weiß nun nicht, ob es an fehlender Kenntnis über die
Transaktion fehlt
oder ob es ein Interesse gibt, die Angelegenheit so darzustellen.
Für
den ersten Fall erlaube ich mir mal, Hilfestellung zu geben.
Es gibt praktisch zwei Geschäfte, die die Stadt macht.
Geschäft Nummer 1 ist ein Geschäft mit dem Abwasserverband.
Das sieht ganz leicht vereinfacht so aus, dass der Abwasserverband von
der Stadt ein vollkommen imaginäres und nicht materielles
"Nutzungsrecht" für das Kanalnetz kauft. Dafür nimmt der
Abwasserverband einen Kredit bei einer Bank auf, der direkt von den
Gebührenzahlern zurückgezahlt wird. Der Kredit beträgt
222,3 Millionen
EUR.
Das Konstrukt mit dem Abwasserverband braucht man nur, damit aus der
städtischen Sonderrechnung Geld (Überschüsse) entnommen
werden kann.
Der Rückzahlungsbetrag für den Kredit ist genau so hoch wie
die bisher
in den Gebühren enthaltenen "kalkulatorischen Abschreibungen und
Zinsen", so dass diese Aktion gebührenneutral abläuft.
Es handelt sich um nichts anderes als die Vorwegnahme einer Tilgung und
Verzinsung des städtischen Kapitals, das in den Kanälen
steckt.
Insofern bietet und zahlt Veolia bei diesem Geschäft insgesamt
Null
EUR. Der Kredit wird auch nicht von Veolia aufgenommen.
Geschäft Nummer zwei: Veolia zahlt tatsächlich insgesamt 24
Millionen
EUR für die Geschäftsanteile der Stadtentwässerung
Braunschweig GmbH.
Sie erwirbt damit nicht nur die Gesellschaft, sondern auch ein
Stammkapital von 15 Millionen EUR, das die Stadt gewissermaßen
schonmal
vorab von den 24 Millionen EUR zurückgibt.
Bleiben neun Millionen EUR aus dem Verkauf für die Stadt als
Überschuss.
Zugleich gibt es aber Risiken aus dem Verkauf, die durch drei
verschiedene Rückstellungen in der Sonderrechnung abgedeckt
werden.
Es handelt sich dabei um 1,5 Mio, 5,5 Mio und 5 Mio EUR.
Diese Beträge dienen der Sicherheit, dass eventuelle Differenzen
bei
den Entgelten nicht über Gebührensteigerungen abgefangen
werden müssen.
Somit legt die Stadt also von den neun Mio EUR Überschuss aus dem
Geschäft mit Veolia 12 Mio EUR in eine Rücklage.
Ja, ganz recht, das macht insgesamt minus 3 Mio EUR!
Insgesamt bleiben für die Stadt deshalb von dem Kredit, den der
Abwasserverband gewissermaßen stellvertretend für die Stadt
aufnimmt
lediglich 115 Mio EUR für den Haushalt übrig. Das
Geschäft mit dem
Abwasserverband könnte man völlig unabhängig von Veolia
machen und
hätte daraus wahrscheinlich einen größeren Vorteil als
beim jetzigen
Geschäft.
Leider scheint die Verwaltung und der Oberbürgermeister uns nicht
ausreichend Zeit geben zu wollen, das genauer zu analysieren und
nachzuweisen.
Einen schönen Tag und freundliche Grüße
Volker Schmidt (Fraktionsgeschäftsführer)
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
im Rat der Stadt Braunschweig
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